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Ostfriesen im Fehntjer Land

NDR Fernsehen
Sendereihe: die nordstory

Produktion video:arthouse Film und Fernsehen GbR
Ein Film von Johann Ahrends
Kamera Reinhard Bettauer, Timo Hayen 
Ton  Jens Arend, Simon Tober, Sebastian Beck
Schnitt Kay-Stephan Rettig   Catja Schlimme
Sender NDR
Länge 60 Min.
Erstsendung 18.8.2017, 20:15 Uhr

Ostfriesen im Fehntjer Land

Bürger machen sich stark für eine typische Region 


Sie kämpfen für ihre Heimat – für die Erhaltung der in Deutschland einmaligen Fehnlandschaft – die Ostfriesen im Fehntjer Land. Engagierte Bürger, die Wert darauf legen, dass die typische Landschaft erhalten bleibt und Traditionen bewahrt werden. Die Region im Herzen von Ostfriesland ist bekannt für ihre Klappbrücken und Windmühlen. Noch immer sind weite Teile an der Küstenregion durchzogen von Kanälen, die einmal zur Entwässerung des Moores und als Transportwege für die Torfschiffe dienten. Weit mehr als 100 Kilometer dieser Kanäle gibt es noch in Ostfriesland.


 „Fehn“ – das stammt aus dem Niederländischen und bedeutet soviel wie „Moor“ oder „Sumpf“. Das älteste und größte Fehn in Ostfriesland ist Großefehn. Hier gruben Moor-Pioniere in mühevoller Handarbeit schon 1633 den Kanal, der noch heute fast 20 Kilometer lang ist und erst in den 30er Jahren fertig wurde. Rechts und links der Wasserstraße reihen sich die typischen Fehnhäuser auf – vorne der Teil zum Wohnen, hinten die Scheune. „Für die Gemeinde ist die Erhaltung und Pflege der Brücken, Schleusen, Kanäle und Mühlen eine Herkules-Aufgabe“, sagt Bürgermeister Olaf Meinen. Jedes Jahr stehen mehr als 200 000 Euro dafür zur Verfügung.


In einem der typischen Fehnhäuser lebt Helmut von Aswege mit seiner Familie. Sein Haus ist eines der ältesten in Mittegroßefehn – erbaut im Jahre 1832. Das Haus hat Geschichte – es war einst der Verwaltungssitz der Fehnkompagnie – sogar der König hat einmal in dem Haus übernachtet. Seit neun Generationen ist es nun bereits im Besitz der Familie von Aswege. Vor einigen Jahren wollte Helmut von Aswege sein Elternhaus renovieren für die Familie seines Sohnes – doch der Denkmalschutz stoppte das Vorhaben. Seitdem arbeiten Vater und Sohn unermüdlich daran, das Haus wieder nach historischem Vorbild aufzubauen. 


Beratend an ihrer Seite ist der Monumentendienst aus Oldenburg, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alte Bausubstanz zu sichern und historisch wertvolle Gebäude restaurieren zu helfen. Daniel Pinkert ist ständig für den Monumentendienst unterwegs – er sorgt dafür, dass alte Baustoffe beim Abbruch gesichert werden und später in ähnliche Gebäude wieder eingebaut werden. Helmut von Aswege braucht dringend passende Steine, weil das Haus seine Fenster in Originalgröße zurückbekommen soll und die Maurer dafür die Öffnungen verkleinern müssen. Auch erhält das Haus ein neues Reetdach – am Ende soll es aussehen wie vor fast 200 Jahren.  

 

Typisch für die Fehnlandschaft sind neben den Häusern auch die Torfschiffe. Damit wurde noch bis in den 50er Jahren der Torf abgefahren. Ganz früher waren es Segelschiffe, später bekamen sie einen Dieselmotor. Eines dieser Torfschiffe ist die „Frauke“ Im Jahre 1994 kaufte die Gemeinde Großefehn das historische Schiff in Holland. Es soll auf dem Großefehnkanal an die Ursprünge des Dorfes erinnern. Vor etwa zehn Jahren gründete sich dann eine Interessensgemeinschaft aus etwa 20 Idealisten, um das Schiff in Schuss zu halten. 


Einer von ihnen ist Fritz Ottersberg – er ist Berufsschiffer und steht als Kapitän der „Frauke“ am Ruder. Er ist selbst noch auf so einem Schiff gefahren. Inzwischen ist er 80 Jahre alt. Regelmäßig trifft sich der rüstige Seemann mit seiner Rentnertruppe auf dem alten Torfschiff, um es mit Farbeimer und Pinsel aufzumöbeln. Wenn alles wieder auf Hochglanz lackiert ist, geht es auf „große Fahrt“ über die Kanäle bis in die Ems. Dort wollen sie nach vier Jahren erstmals wieder die Segel setzen. Aber ob das klappt, ist ungewiss – sie brauchen dringend Nachwuchs. 


Auch die alten Holländer-Windmühlen gehören zum Fehnbild – fünf gibt es davon noch in Großefehn. Einige sind in privater Hand, andere gehören der Gemeinde. Die Mühle im Ortsteil Spetzerfehn ist die einzige Mühle weit und breit, die noch arbeitet wie vor über 100 Jahren. 1870 wurde sie erbaut – 15 Jahre später brannte sie nieder. Aber die Mühle wurde wieder aufgebaut und 1961 an Theodor Steenblock verkauft. Der ist im September 2015 verstorben – aber sein Sohn Heye hat das Erbe seines verstorbenen Vaters angetreten und hält alte Mühle in Betrieb.  


Von den Landwirten in der Umgebung bekommt Heye Steenblock regelmäßig Getreide, das er dann in seiner Mühle zu hochwertigem Tierfutter verarbeitet. Im Nachbardorf betreibt er zudem einen Landhandel – und wenn der Kunde es wünscht, dann liefert er seine Erzeugnisse auch mit dem Lastwagen aus. „Ich möchte das Lebenswerk meines Vaters fortsetzen“, sagt der 55jährige Müller. Und dazu gehört nicht nur das Müllerhandwerk, sondern auch der Tourismus. Jedes Jahr kommen zahlreiche Feriengäste, oft mit dem Fahrrad, spontan zur Besichtigung der alten Holländer-Windmühle. Heye Steenblock nimmt sich dann die Zeit und zeigt ihnen alles. 

 

Fast verschwunden sind die kleinen Tante-Emma-Läden in Großefehn. Früher gab es fast ein Dutzend dieser Geschäfte – jetzt sind die meisten einem großen Supermarkt-Zentrum gewichen. In einem dieser Märkte werden die Waren in plattdeutsch ausgezeichnet – große Wandtapeten mit Mühlenmotiven sollen den Kunden ein Heimatgefühl vermitteln. Das hat der Dorfladen in Mittegroßefehn nicht nötig. In diesem Ortsteil konnte der Trend gestoppt werden. Hier hat sich die Jugendpflege-Einrichtung Leinerstift für den Erhalt des Dorfladens stark gemacht. Und bildet dort nun ihre Jugendlichen aus. 


Marktleiter ist Jann Kuhlmann. Er war vorher 15 Jahre als Erzieher im Leinerstift tätig gewesen. In einem Crash-Kurs wurde er zum Einzelhändler umgeschult – und betreut jetzt die jungen Auszubildenden. In diesem Jahr hat das Leinerstift auch 100 alleinreisende Flüchtlinge aufgenommen – junge Männer zwischen 11 und 18 aus Syrien, dem Irak und Somalia. Einige von ihnen sollen im Dorfladen jetzt Fuß fassen – und später dort eine Ausbildung machen. Ein vorbildliches Projekt – und der Erfolg gibt Jann Kuhlmann und seinen Mitarbeitern Recht – gerade hat ein Azubi seine mündliche Prüfung mit einer Eins bestanden.  

Ostfriesen im Fehntjer Land

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